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Der Chinaphilosoph oder das Entscheidende ist immer das andere

Was ist mit dem Chinaphilosophen? Ich weiß nicht viel von ihm, in einer der südlichen Provinzen lebt er, lebt von Reis und Hirse, Fisch und Kürbis und wartet auf die große Erleuchtung wie fast jeder hier. Der Tierverkäufer aus dem Nachbardorf besucht ihn regelmäßig, der kennt ihn, die blaue König Edward Kladde unter dem Arm, die Krone von Goldpappe strahlt im Sonnenlicht . „Bitte noch etwas vom leckeren Fruchtfleisch.“


Das ganze Drumherum, die alten Chinamotive mit der Wackelpagode und die hockenden Mädchen vor ihren Bambushütten mit Tuschpinsel und Papier, nur nicht diese Fotos. Lieber die Unterlagen aus dem Ordner, „Sonst noch was?“ gut dann bitte der nächste zur Blitzhypnose in Lisas Palmengarten. Diese lausigen Tricks, sanft und still in Konkurrenz mit sich selbst, Optimierung und Selbstoptimierung, Teamspirit, Kreativität und Evaluation, Vielfalt und Flexibilität, Deckmantel für unbemerkt entführende Mächte, die uns durchfluten, unser humanes Fluidum, schicksalhaft unentrinnbar entleeren.

Der Chinaphilosoph, der Künstlerphilosoph aus Selbstermächtigung, eine Portion Narzissmus und das Versprechen einer Welt jenseits des Realitätsgefühls, ohne betriebswirtschaftliche Interessen, reine Magie, aber auch die Börse schickt virtuelle Werte um den Globus, Circus maximus für Spin Doktoren, Algorithmen, Geldverbrennungs- und Dementiermaschinen, Zahlenmagie, Abrakadabra.

Er ist Observant und darin konsequent. Zwei Äpfel und ein Pfund Tomaten, fleischrot, der Chinaphilosoph lebt enthaltsam, entschlägt sich dem Überfluß und seine Seele steigt auf zu sinnlicher Gotteserfahrung. Manitu, Buddha, Krishna, panta rhei, ewiges Spiel - ewiger Wandel der Formen uferlos, Delta Mix, Amygdala, Netzwerke archaischer Strukturen, uralte Reste steuern ihren Affekt, aufgerissene Splitter, Alltagsfragmente, die nie zu Ende erzählte Geschichte, seine nie zu Ende erzählte Geschichte. Der Zustand des du bist noch nicht, aber fast doch schon. Regressive Entwicklungen, also der Chinaphilosoph stellt sich vor, wird von den laufenden Ereignissen überholt, bleibt stehen, dreht sich um und nun in der Bewegungslosigkeit kommen die Dinge auf ihn zu. Lebenslinien, der Duft von frischer Luft, raumgekrümmt im strathosphären Blau. Bewegung in der Erstarrung, Amnesie , rückerinnertes Bildersehen aus der „ fließend vergänglichen Welt“, inkubische Bilder, fermentierte Bilder, daß a` perspektivische Bild erzählt viele Geschichten aus seinem je eigenen Mittelpunkt, rote Linsen, Tableaus, Projektionen honiggelb, Quader von Felsen darauf Moose, Flechten, Algen, Nahaufnahmen mikroskopisch . . . . . . Glücksstunden, golden doch voller Widersprüche.

Annäherungen
 
Singen: sing' doch mal was, "ein Mann fuhr ins Chinesenland mit 13 Koffern in der Hand" sing die Geschichte von Eleanor Rigby, sing' von der Hochzeit und vom Reis, von Bibel und Grab oder vom Ännchen von Tharau, du meine Seele mein Fleisch und mein Blut.
Sehen: der Mittelpunkt chinesischer Gartenbaukunst ist nicht die Pflanze sondern die Idee. Zuerst Harmonie, dann Wasser und Steine und die Brücke halbkreisförmig. Zuletzt die Pflanzen und darüber Sonne, Mond und Sterne, lautloser Äther, All, Essenz, ruhende Kraft, der Blick aus dem Fenster, Licht und Schatten im Wechsel.

Suchen: gold und gelb die Häuser der verbotenen Stadt, der Palast inmitten strahlt im Himmelslicht, das weite Land umher / in der Ferne, das Gras auf den Südbergen im Brausen der Winde, über den Wolken und unter den Wassern.
Die Fischer auf den Flüssen und die Holzsammler im Gebirge, der heisere Gesang des Schamanen im aufgelösten Haar und aus dem Herbergstor der Narr Ch`u auf seinem Weg mit unverletztem Fuß, verweigert die Gemeinschaft. Schmerzloses Anderssein, Ich-Erleben umringt im Kreis der Tiere, die ihn begleiten an die vier Enden der Welt.
„teile nicht das Brot der Herrscher, hüte dich vor ihrer Unmoral, vermeide ihre Berührung
( noli-me-tangere ), Flüchtende seid ihr Dünnhäutigen aus Feinheit vor verzehrendem Lärm“, aus den Elegien von Ch`u .

Weiter entlang im Morgennebel die sonnigen Hügel am gelben Fluss. Unter den riesigen, kreisrund und strohgeflochtenen Tellerhüten die gebeugten Rücken der Reisbauern in ihren Feldern stehend, knöcheltief, schnurgerade die grünen Linien im brackigen Wasser. Stimmungen, Meinungen, Atmosphären, der Chinaphilosoph forscht in globaler Introversion: akausale Pixel, Kabelquerfrequenzen, zyklisch virtuelle Navigation, Wellen, Zwang binärer Logik, Schwingungen von Ost nach West, von Nord nach Süd, Schritt vor Schritt mit den Himmelswinden.

Und so schreitet er am Morgen mit roten Henkelohren und lose gebundenem Zopf durch den Bambushain, sonnendurchflutet, in der rechten den leichten Papierfächer, in der linken die Stange von Zuckerrohr, daran er knabbert hin und wieder. Den Wundarzt trifft
er beim Steinschnipselspiel am Straßenrand, die gelbe Turbanmütze, die phrygische Mütze aus Lhasa, tief über die Stirn und sie grüßen einander freundlich, den Blick vorbei an Disteln, Knöterich und Kürbisranken in die Ferne gerichtet, weit in der Ebene das Hochplateau mit den bogigen Ziegeldächern der Klosteranlage, darauf sichtbar im strahlenden Sonnenglanz das goldene Rad der Lehre. Der Chinaphilosoph rafft seinen Leinenkittel, versichert sich der Schriftrolle im ledernen Gürtel, 9.000 Worte prägt er sich ein und denkt, das genügt, denn im ursprünglichen Sinne verleiht doch erst der Klang der Musik dem Wort Glaube und Seele, so jedenfalls spürte das der Chinaphilosoph und sah vor seinem inneren Auge die Gesänge der Natur im Tanz balzender Kraniche. Bergan über trockenes Geröll geht er, Maulbeerbäume und Yakrinder im Gelände, Yakrinder, schwarzes Fell, Yakhaar glänzend spinnengleich.


Exkurs über den Wundarzt: der Gelbturban, Fang Chuang, gibt den Kranken nach dem sie gebeichtet und gebetet, vom Wasser mit den verbrannten Talismanen, spricht ein paar magische Worte und entläßt sie als geheilt, ganz ohne Diagnose und Befund. Ist der Kranke zu schwach für Beichte und Gebet, so vollzieht der Schlechtigkeitsbeauftragte folgendes Ritual: drei Schriftstücke mit dem Namen des Erkrankten und den Angaben seiner Sünden die seiner Erkrankung zu Grunde liegen werden angefertigt. Von diesen drei Manuskriptanamnesen bestimmt der Schlechtigkeitsbeauftragte in seiner Funktion als Geisterbote eines zum Aufstieg in den Himmel vom Gipfel des Berges, den Himmelsgeistern, eines vergraben in die Erde den Erdgeistern, eines wird ins Wasser versenkt zum heilenden Einfluss der Wassergeister. In Demut entrichtet die Familie des Kranken fünf Scheffel Reis und anschließend sitzt der Patient wieder geheilt in seiner Hütte. Sollten Krankheitssymptome in ihrem Verlauf dunkel und rätselhaft erscheinen, erhöht das den Reiz der Therapie. Der Trost der Frauen und die Hand auf dem Orakel sind dem Elenden allemal gewiss.


Lotosschatten


Gegen Mittag durchschreitet  der Chinaphilosoph die Pforte der Klosteranlage. Sein von Freude erfülltes Gemüt und die Heiterkeit seiner Seele finden ihre Entsprechung in der stillen, schwebenden Aura auf heiligem Grund. Aus seiner Opferschale steigt der Rauch von Gerstenmehl und Butter und die so gnädig gestimmten Götter, alt und geprüft geben reichlich und Gesundheit und Lebensfreude dazu. Später steigert eine stärkende Schale Reis und frischer Tee seine Lebensfreude, gelöst greift er zu den Klangsteinen. Der Chinaphilosoph hängt sein Herz an den Klang der Melodie, besondere Steine schlägt er an, lauscht mit seinem Ohr, mit geschlossenen Augen und ahnt etwas von den Uranfängen der Harmonie. So im Lotossitz auf einer Strohmatte im guten Schatten der Ziegelmauer, die Hände gefaltet, lauscht er und atmete den würzigen Weihrauch, der Bündelweise im Klosterhof neben den Gebetsmühlen im Qualm verdampft. In das Aroma hinein mischen sich die Brummklänge der Lurenbläser, dort stehen sie auf ihre Weise mit kahlgeschorenem Kopf in roten Gewändern. Sie leiten heute musikalisch den Vortrag für die kanonischen Beamten und Mönche der Ostwald – Akademie ein.
„Gewissenserforschung und Selbsterkenntnis im Lebenswandel durch Lob und Anklage der eigenen Taten“.

Aufmerksam und achtsam beobachtet der Chinaphilosoph das heilige Treiben um ihn herum, er ist keiner von denen, er, der Spezialist für Achtsamkeit des Allein versinkt in tiefe Meditationsapathie, sinkt hinab in den Urgrund des Seins darin sich Lob und Leistung, Verfehlung und Tadel aufheben und ein ewiges Licht der Reinheit seinem Dasein eine angenehme Entrücktheit verleiht. Immer weiter entfernen sich Lurenschall und Räucherwerk und hinter seinen geschlossenen Lidern schaut der Chinaphilosoph eine andere Welt, Orient und Okzident versinken im Schweigen eines globalen TAO .
Pack die Voodopuppen wieder in die Kiste, die Drähte hinterher, wir gehen über Land und Wasser und ans Meer, Wind und Wellen, das Licht am Horizont und das Spiel der Delphine über den silbernen Schaumkronen der Meereswogen. Weit entrückt in seinen Gedanken glich der Chinaphilosoph einem Schlafenden aus Lisas Palmengarten, traumentführt, All – Ein.
Urgrund und Urort, darin sich das universell Gute des Absoluten berühren. Auch das bist du.

Der Chinaphilosoph
Chinaphilosoph, 50 x 70 cm, Wasserfarben und Buntstift auf Bütten
September 2011


                                                               Dezember 2015


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